Naturfreunde unterm Hakenkreuz

Beitrag zur Online-Publikation: ‚Geislingen unterm Hakenkreuz‘, verfasst von:
Lisa Rapp, M.A., Pfingsthalde 17, 73312 Geislingen
Version 1, veröffentlicht am 1. November 2015

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Abb.1: aktuelles Logo

Abb.1: Aktuelles Logo

Naturfreunde unter dem Hakenkreuz

Zur Geschichte der Geislinger Naturfreunde

 

Vorwort

Die Naturfreunde wurden im September 1895 von dem Sozialisten und Lehrer Georg Schmiedl gegründet. Als Teil der Arbeiterbewegung des späten 19. Jahrhunderts setzte sich der Verein für die Öffnung der Wälder für die Arbeiterschicht ein. Man wollte raus aus dem Grau der Städte, heraus aus den engen Arbeitersiedlungen, in denen kein Platz für Gärten und Natur war. Ebenso kämpfte der Verein gegen die kapitalistische Ausbeutung der Arbeiter und der Natur durch die Industrie und für die Verbesserung der politischen und sozialen Stellung der Arbeiterklasse. Von Anfang an ist ihre Geschichte daher eng mit jener der Gewerkschaften und der Arbeiterwohlfahrt verknüpft.

Abb.2: Früheres Logo, 1895

Abb.2: Früheres Logo, 1895

Das Logo der Naturfreunde – ein Handschlag, aus dem drei Alpenrosen „sprießen“ wurde von Karl Renner, österreichischer Sozialdemokrat und 1918 – 1920 Staatskanzler seines Landes, entworfen. Neben diesem Signet ist der Gruß „Berg frei!“ das verbindende Element und Erkennungsmerkmal der Organisation.

Bereits 1933 zählten die Naturfreunde rund 200.000 Mitglieder in insgesamt 22 Ländern. Unter dem nationalsozialistischen Regime wurde die Organisation in Deutschland verboten, ihre Häuser und jeder weitere Besitz beschlagnahmt und zweckentfremdet. Auch die Ortsgruppe Geislingen war von diesem Verbot betroffen, worauf im Folgenden noch näher eingegangen wird.

Auch heute sind die Naturfreunde den Idealen des demokratischen Sozialismus verpflichtet. Sie verstehen sich als ein „sozial-ökologischer und gesellschaftspolitisch aktiver Verband für Umweltschutz, sanften Tourismus, Sport und Kultur“1, der sich für die „nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft“2 sowohl im sozialen, politischen als auch im ökologischen Sinne engagiert. Die Organisation spricht sich gegen Diskriminierung und Ausbeutung aus und fördert außerdem das gesellschaftliche Umdenken im Sinne eines nachhaltigen und ökologisch sinnvollen Umgangs mit der Natur. Gerade aufgrund ihrer sozialpolitischen Komponente sind die Naturfreunde von bürgerlichen Gebirgs- und Wandervereinen, wie beispielsweise dem Schwäbischen Albverein, abzugrenzen.3

Bekannt ist der Verein vor allem durch sein europaweites Netz von fast 1000 Naturfreundehäusern, die günstige, naturnahe Gasthäuser mit Übernachtungsmöglichkeiten für Wanderer bieten und gleichzeitig den gelebten, sanften Tourismus verkörpern sollen. Die Naturfreunde sind heute in 48 Ländern beheimatet, hauptsächlich in Europa. Mit einer halben Million Mitglieder gehört der Verein zu den weltweit größten nichtstaatlichen Organisationen (NGO).

In Deutschland zählen die Naturfreunde ca. 75.000 Mitglieder, die in 630 Ortsgruppen beheimatet sind, welche wiederum mehr als 400 Naturfreundehäuser bewirtschaften. Eine dieser Ortsgruppen ist in Geislingen verwurzelt und zählt aktuell rund 140 Mitglieder. Seit 2014 wird das Vereinsarchiv der Ortsgruppe Stück für Stück gesichtet und geordnet. Dieser Artikel stellt eine erste Fassung der Erkenntnisse dar, die aus den Unterlagen des Archivs und aus Aussagen von Vereinsmitgliedern gewonnen werden konnten. Er konzentriert sich auf die Zeit von der Gründung der Ortsgruppe bis zum Ende des 2. Weltkrieges. Ein Anspruch auf Vollständigkeit kann nicht erhoben werden, da das Archiv selbst zahlreiche Lücken aufweist und die Dokumente außerdem noch nicht abschließend verzeichnet sind.

Die Ortsgruppe Geislingen – Gründungsphase und 1. Weltkrieg

Die Ortsgruppe Geislingen wurde auf Initiative der Göppinger Naturfreunde am 16. Februar 1913 im Gasthaus zum „Kreuz“ gegründet. Elf Gründungsmitglieder im Alter von 17 – 30 Jahren sind durch das erste Protokollbuch des Vereins überliefert.4 Zum ersten Obmann wurde an der darauffolgenden ersten Hauptversammlung am 24. Februar Georg Banzhaf gewählt, der den Verein bis zum 03. Februar 1919 führte.5

Abb.3: Wanderung August 1913

Abb.3: Wanderung August 1913

In den folgenden Monaten verzeichnete die Ortsgruppe einen kontinuierlichen Zuwachs an Mitgliedern. Zu Beginn des 1. Weltkrieges belief sich die Mitgliederzahl auf 35 Männer und 10 Frauen.6 Auch das Vermögen des Vereins wuchs langsam, aber stetig an. Die für Wander- und Klettertouren benötigte Ausrüstung, wie Karten, Seile, Kompass, Reiseapotheke, etc. wurde entweder von Mitgliedern gespendet oder vom Verein gekauft. Jeden Sonntag wurde gemeinsam gewandert oder geklettert und einmal im Monat traf man sich im Gasthaus „Kreuz“.7 Insgesamt entwickelte sich die Ortsgruppe positiv. Der Erste Weltkrieg brachte diese Entwicklung zeitweilig zum Erliegen, die Zahl der Mitglieder schrumpfte auf 6 – 7 Personen zusammen.8 Am 14. August 1914 verzeichnete Schriftführer Rennecke im Protokollbuch:

„Infolge der politischen Lage fiel die für Montag den 2. August vorgesehene Monatsversammlung aus, wie überhaupt die Vereinstätigkeit für die Dauer des Krieges eingestellt wurde.“9

Ein Großteil der Männer wurde zum Militärdienst eingezogen und die Aktivitäten des Vereins kamen nahezu zum Erliegen. In einer Mitgliederversammlung im November 1914 informierte der Obmann die verbliebenen Mitglieder über „die während der Kriegsdauer eingelaufenen Schreiben.“10 Man traf sich nur noch unregelmäßig: Für den Zeitraum vom 28. Juli 1914 bis 11. November 1918 wurden lediglich 3 Einträge in das Protokollbuch getätigt.11 Dennoch blieb der Zusammenhalt der Ortsgruppe bestehen, denn „sodann wurde beschlossen, den im Ausmarsch befindlichen Genossen eine Liebesgabe zu senden in Höhe von 1 ½ Mark.“12 Nachdem auch Obmann Banzhaf eingezogen worden war, übernahm die Genossin Gebhardt die Organisation der Ortsgruppe und die Verwahrung des Vereinseigentums.

Ob und wie viele Mitglieder an der Front gefallen sind, ist nicht belegt. Friedrich Rössing begründete dies damit, dass es sich bei vielen Mitgliedern um Gastarbeiter gehandelt habe, welche bei Ausbruch des Krieges in ihre Heimat zurückgekehrt waren.13 Zur ersten Hauptversammlung nach Kriegsende am 03. Februar 1919 fanden sich dennoch 16 Personen zusammen, die den Verein weiterführen wollten.14 Zum neuen Obmann wurde Jakob Bäumler gewählt.15 Die Wandertätigkeit wurde wieder aufgenommen, ebenso wie die monatlichen Versammlungen, die ab sofort im Gasthaus Hirsch stattfanden.

Die Ortsgruppe blühte rasch wieder auf.16 Im neuen Stammlokal wurden Lichtbildvorträge gehalten, Diskussionen geführt und Schulungen zu Themenbereichen des kulturellen und sozialen Wanderns veranstaltet. Neue Abteilungen wurden gegründet, darunter eine Jugendgruppe, sowie eine Musik-, eine Volkstanz-, eine Wintersport- und eine Fotogruppe. Die Natur wurde auf vielfältige Weise erfahren, durch Wanderungen, heimatkundliche Vorträge, Musik und Poesie. Aber auch über Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Ökologie wurde nachgedacht und diskutiert.

Am 12. April 1924 löste Friedrich Rössing seinen Vorgänger Jakob Bäumler als Obmann der Ortsgruppe ab.17 Zahlreiche Reden, heimatkundliche und kunstgeschichtliche Vorträge, sowie Gedichtsammlungen sind von Rössing überliefert und spiegeln die Interessen und Aktivitäten der Ortsgruppe eindrücklich wieder.

Das Naturfreundehaus „Immenreute“

Ein wichtiges Merkmal der Naturfreunde-Bewegung ist die Schaffung eines europaweiten Netzwerkes von Wanderhäusern, die Mitgliedern und Wanderern eine günstige Verpflegungs- und Übernachtungsmöglichkeit bieten sollen. An diesem Projekt gedachte auch die Ortsgruppe Geislingen teilzuhaben.

Bereits am 02. Februar 1914 war auf einer Monatsversammlung die Einrichtung eines „Hüttenbaufonds“ beschlossen worden, welchen die Mitglieder auf freiwilliger Basis füllen sollten.18 Am 16. September 1923 gelang es, schließlich eine Parzelle auf der Gemarkung Donzdorf im Tausch gegen ein Fahrrad zu erwerben. Der Wert des Grundstückes erscheint heute lächerlich gering, war jedoch für die Ortsgruppe nur mit Mühe zu erbringen. Geld besaß wenige Jahre nach dem 1. Weltkrieg und wenige Jahre vor dem Zusammenbruch der New Yorker Börse und der Weltwirtschaftskrise von 1929 kaum noch einen Wert. Entsprechend war auch das Vermögen der Ortsgruppe durch die Geldentwertung geschwunden. Ein Tauschhandel erschien sowohl für den ursprünglichen Landbesitzer, den Bauer und Anwalt Xaver Frey, als auch für die Ortsgruppe vorteilhaft. Dennoch war es für den Verein nicht einfach den Millionenbetrag, den ein Fahrrad kostete, aufzubringen. Um eine Zufahrt zum Gelände errichten zu können, war darüber hinaus ein weiterer Kauf nötig. Das entsprechende Grundstück wurde am 02. November 1924 dem Bauer und Anwalt Georg Schmid aus Stötten abgekauft. Der Grundbucheintrag des Geländes erfolgte schließlich am 21. Februar 1925.

Abb.4: Kaufvertrag des Flurstücks Immenreute, 16.09.1923

Abb.4: Kaufvertrag des Flurstücks Immenreute, 16.09.1923

Anschließend begannen die Vorbereitungen für den Hausbau. Es wurden Pläne erstellt, eine Bauhütte errichtet und mehrere Arbeitsdienste auf dem Gelände durchgeführt.19 In einer Monatsversammlung am 6. März 1925 wurde zudem einstimmig beschlossen, „2000 Bausteine à 1 Mark“20 anfertigen zu lassen. Jedoch drohte die steigende Inflation dem gesamten Vorhaben ein Ende zu setzen. Der Baufond der Ortsgruppe schrumpfte bis Ende 1925 derart zusammen, dass eine Verwirklichung des Baues kaum noch möglich schien.21 Zu diesem Zeitpunkt wurde die Ortsgruppe Esslingen ins Boot geholt, die sich nach mehreren Diskussionen und Gesprächen bereit erklärte, das Bauprojekt gemeinsam mit den Geislingern anzugehen.22

Abb.5: Die Bauhütte, 1925

Abb.5: Die Bauhütte, 1925


Abb.6: Bau der Immenreute, 14.03.1926

Abb.6: Bau der Immenreute, 14.03.1926

Am 14. Februar 1926 erfolgte der erste Spatenstich. Die weitere Bauentwicklung lässt sich allerdings nicht anhand eines Protokollbuches nachvollziehen. Das erste Protokollbuch der Ortsgruppe reicht lediglich bis Dezember 1925, ein entsprechendes Buch aus der Folgezeit liegt nicht vor. Es ist zu vermuten, dass dieses Buch der Enteignung durch die Nationalsozialisten zum Opfer fiel.

Abb.7: Bau der Immenreute, 13.06.1926

Abb.7: Bau der Immenreute, 13.06.1926

Jedoch sind ein Fotoalbum, sowie mehrere Reden von Friedrich Rössing überliefert, die den Hausbau thematisieren. Der Rohbau konnte noch im selben Jahr und vor Einbruch des Winters fertig gestellt werden. Die enorme Einsatzbereitschaft und das große Engagement, welches die Mitglieder beider Ortsgruppen an den Tag legten, hatte dies möglich gemacht. Man muss sich die Bedingungen vorstellen unter denen die Männer und Frauen auf dem Gelände tätig geworden sind: Nur einmal wurde Baumaterial mit einem Transporter zum Bauplatz gefahren. Die restlichen Materialien – Steine, Holz, Sand, etc. – und auch das nötige Werkzeug wurden in langen Menschenketten, mit Rucksäcken und Karren auf die Alb transportiert. Groß muss da die Freude gewesen sein, als am 8. August schließlich das Richtfest abgehalten werden konnte.23 Das Haus wurde nach dem Namen der Grundstücksparzelle „Immenreute“ benannt, ein altdeutsches Wort für Bienenweide.24 Nach einer witterungsbedingten Pause im Winter 1926/27 ging man im Frühjahr wieder ans Werk, um das Haus fertig zu stellen. Am 17. Juli 1927 konnte das Naturfreundehaus Immenreute schließlich feierlich eingeweiht werden.25

Abb.8: Richtfest der Immenreute, 27.06.1926

Abb.8: Richtfest der Immenreute, 27.06.1926


Abb.9: Hausweihe und Festumzug in Geislingen, 17.07.1927

Abb.9: Hausweihe und Festumzug in Geislingen, 17.07.1927


Abb.10: Einweihungsfest der Immenreute, 17.07.1927

Abb.10: Einweihungsfest der Immenreute, 17.07.1927

Die Ortsgruppe Geislingen – Verbot und Enteignung 1933 bis 1946

Lange sollte die Freude am neu erbauten Heim nicht währen. Wie die Gewerkschaften und die meisten anderen Arbeiter- und Gesangsvereine wurden auch die Naturfreunde 1933 Opfer der Gleichschaltungspolitik des nationalsozialistischen Regimes. Für diese Zeit ist es erneut nicht möglich, auf ein Protokollbuch zurück zu greifen. Erneut sind jedoch Reden Rössings überliefert, der als Zeitzeuge berichtet, sowie ein Vereinsbuch für den Zeitraum von Pfingsten 1927 bis Ende 1971.26 In diesem wurden, in unterschiedlicher Ausführlichkeit, von den verantwortlichen Mitgliedern Wanderungen, Festakte und sonstige Vereinsaktivitäten protokolliert, jedoch nicht die Ausschuss- und Mitgliederversammlungen.

Ob die Ortsgruppe sich um ihre Zukunft sorgte, ob es im Vorfeld zu Drohungen oder Diskriminierungen ihrer Mitglieder seitens der SA gekommen ist, darüber gibt das Buch keinen Aufschluss. Allgemein schlägt sich die politische Entwicklung in Deutschland bis 1933 nur in wenigen Anmerkungen im Vereinsbuch nieder. Notiert wurde, dass der 14. September 1930 für die Beteiligung an den Reichstagswahlen freigehalten werde.27 Außerdem fand am 12./13. November 1932 ein Wochenendkurs auf der Immenreute mit dem Thema „Der Mensch als Natur und Kulturwesen“ statt, bei dem hauptsächlich Rassenfragen behandelt wurden.28 Eine Stellungnahme des Vereins wurde im Vereinsbuch jedoch nicht festgehalten. In der Geislinger Zeitung sind ebenfalls nur wenige Spuren der Ortsgruppe zu finden. Am 11. März 1933 laden die Naturfreunde Geislingen zu einer Versammlung anlässlich ihres 20jährigen Bestehens ein.29 Eine kleine Veranstaltung, der im Herbst eine umfangreichere Jubiläumsfeier folgen sollte. Von einem Verbot der Ortsgruppe oder ihrer Enteignung wird in der Geislinger Zeitung jedoch nicht berichtet. Lediglich die Beschlagnahmung und Schließung anderer Naturfreundehäuser in Württemberg wird am 24. März 1933 kurz thematisiert.30

Abb.11: Landjäger und SA vor der Immenreute, 26.03.1933

Abb.11: Landjäger und SA vor der Immenreute, 26.03.1933

Vielleicht traf die erzwungene Auflösung der Ortsgruppe die 128 Vereinsmitglieder tatsächlich so unerwartet, wie die Schilderungen Friedrich Rössings den Eindruck erwecken.31 Den 26. März 1933 beschreibt der Obmann als einen schönen Frühlingstag, der viele Wanderer dazu veranlasst hatte, dem Naturfreundehaus Immenreute einen Besuch abzustatten. Die Idylle wurde gestört, als am Nachmittag ein Landjäger begleitet von mehreren SA-Leuten auf dem Gelände der Naturfreunde erschien.32 Der Landjäger verkündete der Ortsgruppe das Verbot und die sofortige Auflösung des Vereins, sowie die Beschlagnahmung des gesamten Vermögens einschließlich des Naturfreundehauses. Die Besucher wie auch die Mitglieder der Ortsgruppe mussten das Gebäude umgehend verlassen, nichts durfte mitgenommen werden. Gerhard Wick, derzeitiger Vorsitzender der Ortsgruppe, erzählte mir in diesem Zusammenhang, dass die Kinder angewiesen worden wären, vor Verlassen des Hauses so viel zu essen, wie sie nur konnten. Wenn man schon nichts mitnehmen konnte, habe man den Nationalsozialisten zumindest so wenig wie möglich überlassen wollen.

Abb.12: Rückweg nach Geislingen, eskortiert von SA und Landjägern, 26.03.1933

Abb.12: Rückweg nach Geislingen, eskortiert von SA und Landjägern, 26.03.1933

Die Naturfreunde wanderten, eskortiert von der SA, zurück nach Geislingen, wo Friedrich Rössing den Nationalsozialisten die übrige Habe des Vereins überlassen musste. Diese war bei ihm Zuhause und im Vereinskasten im Lokal „Hirsch“ untergebracht. Darunter befanden sich eine Sammlung von ca. 150 Büchern, Wanderausrüstung, sowie sämtliche Vereinsunterlagen.

Abb.13: Rückweg nach Geislingen, eskortiert von SA und Landjägern, 26.03.1933

Abb.13: Rückweg nach Geislingen, eskortiert von SA und Landjägern, 26.03.1933

Um die ehemaligen Mitglieder der Ortgruppe Geislingen und umliegender Städte wurde es still. Anfänglich gab es noch Zusammenkünfte mit einzelnen Naturfreunden aus Schwäbisch Gmünd, Aalen und Heidenheim. Doch dies wurde aufgrund von Bespitzelungen durch die SA bald aufgegeben, schriftliche Aufzeichnungen gänzlich eingestellt. Die gähnende Lücke im Wanderbuch der Ortsgruppe bestätigt die Schilderungen Rössings. Dem schlichten Eintrag vom 5. März 1933 „Die Wanderung fällt wegen schlechter Witterung aus […]“33 folgen vier leere Seiten. Der nächste Eintrag notiert einen Arbeitsdienst auf der Immenreute mit 15 Teilnehmern am 03. März 1946.34 Dennoch hielt Friedrich Rössing mit einigen wenigen Naturfreunde-Mitgliedern aus Geislingen und Stuttgart Kontakt. Selbst diese Verbindungen waren nicht ungefährlich. Rössing und andere Mitglieder wurden in den Monaten nach dem Verbot mehrmals von Kriminalkommissar Leiffert und Polizeirat Heinle verhört. Zu Verhaftungen sei es jedoch nicht gekommen, so Rössing.

Das Naturfreundehaus Immenreute wurde zu einem Schulungsheim der Hitlerjugend umfunktioniert. Im Zuge dessen wurde das Haus zwar an das Strom- und Wassernetz angeschlossen, jedoch zu Ende des Krieges völlig ausgeplündert.

Nach Kriegsende fanden die ehemaligen Mitglieder der Ortsgruppe rasch wieder zueinander. Eine Neugründung der Ortsgruppe wurde angestrebt und – nachdem die amerikanische Militärregierung ihre Zustimmung erteilt hatte – auch in die Tat umgesetzt. Am 16. Januar 1946 schlossen sich 120 Mitglieder der Ortsgruppe an.35 Der Großteil davon hatte bereits vor dem Verbot den Naturfreunden angehört. Jedoch waren auch einige unbekannte Gesichter darunter, deren Zahl rasch anwuchs. Bald umfasste die Ortsgruppe fast 400 Mitglieder.36 Woher kam diese hohe Zahl an Neumitgliedern? Es ist wahrscheinlich, dass viele im Zuge der Entnazifizierung die Mitgliedschaft bei den Naturfreunden oder anderen Arbeitervereinen nutzten, um sich einen guten Leumund zu verschaffen.37 Dafür spricht, dass die Mitgliederzahl bald wieder deutlich in sich zusammen schrumpfte und bis heute diesen Höchstwert nicht mehr erreicht hat.

Das Naturfreundehaus zurück zu erhalten, gestaltete sich wesentlich komplizierter und aufwendiger, als die Neugründung der Ortsgruppe. Mehrere Behördengänge und Beweisführungen bei der Militärregierung, beim Landratsamt in Ulm und bei der Wiedergutmachungsbehörde in Stuttgart waren nötig, um am 01. Mai 1947 die Treuhänderschaft über das Haus zu erhalten.38 Der Wertzuwachs der Immenreute durch den Anschluss an das Versorgungsnetz wurde gegen die Kosten des Nutzungsausfalls und der Beschlagnahmung des Vermögens aufgerechnet.39 Am 30. Mai 1951 erhielten die Naturfreunde ihr Heim offiziell durch den Eintrag im Grundbuch der Stadt Donzdorf zurück.40 Was von dem 1933 beschlagnahmten Eigentum und Vermögen wieder zurückgegeben werden konnte, ist nicht genau belegt. Einige wichtige Vereinsunterlagen – darunter das besagte Protokollbuch – sind sehr wahrscheinlich dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallen. Die von Rössing erwähnte Bibliothek und die Wanderausrüstung, welche die SA aus dem Lokal „Hirsch“ entwendete, hat der Verein nach Angaben des Obmanns nicht mehr ausfindig machen können.41

Primäre Aufgabe der Ortsgruppe war es zunächst das Naturfreundehaus wieder zu einem Wander- und Kulturheim umzubauen, um anschließend die Vereinstätigkeit wieder aufzunehmen. Vor allem in finanzieller Hinsicht dürfte dies kein leichtes Unterfangen gewesen sein. Die allgemeine Materialknappheit in der Nachkriegszeit schildert Friedrich Rössing sehr eindrücklich an folgendem Beispiel:

„Unmittelbar in der Nachkriegszeit wurden in einem Steinbuch bei Amstetten von den Mitgliedern der Ortsgruppe Munitionsteile gesammelt (alte und verbrauchte, vorwiegend Messing) und der Landesleitung zur Verfügung gestellt, damit aus diesen Teilen Abzeichen für unsere Mitglieder hergestellt werden konnten.“42

Trotz materieller und finanzieller Engpässe entwickelte sich die Ortsgruppe rasch wieder zu einem aktiven und engagierten Verein. Neben dem sozialen Wandern wurde auch die Vortragstätigkeit wieder aufgenommen und erweitert. Die Immenreute entwickelte sich zu einem beliebten Wanderziel und war vor allem zu den Feierlichkeiten am 1. Mai und zur Sonnwende gut besucht.

Die Lücke, welche das Vereinsbuch für die Zeit von 1933 – 1945 aufweist, bleibt jedoch in der Erinnerung der Ortsgruppe verankert. Weiterhin wissen wir wenig über dieses dunkle Kapitel. Was geschah während der Verbotszeit? Die Ortsgruppe scheint in den passiven Widerstand gegangen zu sein. Ob die Mitglieder jedoch auch mehr wagten, als heimlich Kontakt zu halten? Warum erwähnt beispielsweise Friedrich Rössing, der in jener Zeit in der WMF tätig war, die über zweitausend Zwangsarbeiter der Fabrik in seinen zahlreichen Aufzeichnungen kein einziges Mal? Außerdem bliebe zu klären, ob zu den Barrikadenfrauen aus Altenstadt auch Naturfreundinnen zählten. Gerhard Bauer, seit 60 Jahren Mitglied bei den Naturfreunden, hat diesbezüglich seine Hilfe angeboten. Vielleicht kann er noch das Eine oder Andere ergänzen. Die gähnende Lücke im Protokollbuch der Ortsgruppe wird sich jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit nicht vollständig schließen lassen.

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