Die KZ-Mahnmal Initiative 1983/84 und die Geschichte der Aufarbeitung in Geislingen

Inhalt

  1. Die KZ-Mahnmal Initiative –Chronologische Schilderung der Begebenheiten 1983/84
  2. Das KZ-Mahnmal in Geislingen – ein Generationenkonflikt?
  3. Im Zeichen der Mahnmal Initiative – Die weitere Aufarbeitung 1995-2015

Einleitung

In der Stuttgarter Zeitung erschien am 31.Oktober 2014 ein Artikel anlässlich der bevorstehenden Denkmalsetzung für die mutigen Frauen von Altenstadt, welche 1945 die Barrikaden für die heranrückenden amerikanischen Truppen einrissen und der Verlegung einer sog. Stolperschwelle für die Frauen und Mädchen des KZ-Außenlagers in Geislingen.1 In einem Kommentar kritisierte die Verfasserin Corinna Meinke die noch immer mangelhafte Auseinandersetzung Geislingens mit NS-Vergangenheit. Nicht ganz zu unrecht kritisierte die Autorin, „die Erinnerungen an den Naziterror fällt in Geislingen heute noch mager aus“, fehlt es doch immer noch an einer umfassenden Publikation zu diesem Thema.2

Doch völlig untätig ist Geislingen dennoch nicht geblieben. Als erster, große Teile der Bevölkerung aufrührender Versuch die NS-Geschichte Geislingens aufzuarbeiten, ist die sog. KZ-Mahnmal-Initative 1983/84 zu sehen. Diese soll im Folgenden näher beleuchtet werden. Dabei möchte ich zunächst in chronologischer Abfolge die Geschehnisse und Begebenheiten 1983 / 84 darstellen. Anschließend muss unweigerlich die Frage gestellt werden, warum der Wille zur Aufarbeitung damals auf so heftigen Widerstand gestoßen ist. Erklärungsmuster müssen benannt und erläutert werden. Außerdem ist zu klären, wie sich die der Umgang mit diesem dunklen Kapitel der Geschichte Geislingens weiter entwickelte. Was wurde getan und was wird noch folgen müssen, um die Geislinger NS-Geschichte so vollständig wie möglich aufzuarbeiten?

Stützen werde ich mich im Folgenden nicht nur auf zahlreiche Artikel der Geislinger Zeitung und anderer Tagesblätter, sondern auch auf Sitzungsprotokolle des Geislinger Gemeinderats und verschiedene weitere Quellen. Erstmalig beschäftigt hat sich Renate Kümmel in ihrer Diplomarbeit mit den Geschehnissen 1983/84. Damit legte sie eine wichtige Grundlage für die folgenden Ausführungen.3

Die KZ-Mahnmal Initiative – Chronologische Schilderung der Begebenheiten 1983/84

Am 3. Januar 1983 schrieb Gertrud Müller, ehemalige Gefangene und Blockälteste im KZ-Außenlager Geislingen, einen Brief an den Oberbürgermeister der Stadt Geislingen. Darin kritisierte sie das Fehlen jeglicher Spuren des KZ-Außenlagers in Geislingen und schlug Herrn von Au die Errichtung einer „würdigen Gedenkstätte“4  für die Frauen und Mädchen des KZs in Form einer Gedenktafel oder eines Gedenksteins vor. Dieses Schreiben kann als Beginn einer Initiative angesehen werden, welche die Stadt Geislingen zwei Jahre lang in Atmen halten sollten. Im Folgenden sollen die Entwicklungen, die beteiligten Personen, Parteien und Institutionen, sowie deren Ansichten in chronologischer Abfolge vorgestellt werden.

Mahnmal-Initiative 83-84 Version 2

Abb. 1: Gertrud Müller, um 1946

Gertrud Müllers Brief sollte zunächst eine längere Wartezeit nach sich ziehen.5  Zwar hatte ihr der Oberbürgermeister mitgeteilt, dass er ihr Anliegen an das zuständige Kulturamt weiterleiten werde. Dieser sollte jedoch erst am 10. Mai 1993 wieder zusammen treten.

Nebst Gertrud Müller wurden weitere Personen aktiv. Federführend sind an dieser Stelle der Kommunale Arbeitskreis und unter diesen Dr. Hansjürgen Gölz zu nennen. Die Bürgerinitiative Kommunaler Arbeitskreis, kurz KAK genannt, hatte sich ursprünglich gegründet, um sich für den Erhalt der „hinteren Siedlung“ einzusetzen, engagierte sich nun aber auch für ein KZ-Mahnmal.6 Dabei arbeitete der KAK eng mit Gertrud Müller und dem VVN Göppingen, dem Verein der Verfolgten des Naziregimes, zusammen.7  In Kooperation mit der Rätschenmühle, der Volkshochschule und dem Haus der Begegnung bemühte man sich, über die Geschichte des KZ-Außenlagers zu informieren und forderte die Politik auf aktiv zu werden.8 In diesem Zusammenhang stellte Hansjürgen Gölz gemeinsam mit Günter Hoch und Joachim Maus am 23. Februar der Stadt einen Antrag für die Errichtung einer Gedenkstätte.9

Auf der bereits erwähnten Sitzung des Kulturausschusses im Mai entstand die Idee, eine Gedenktafel für die KZ-Opfer in der Krypta des Friedhofs Heiligenäcker anzubringen.10 Dort wurde bereits anhand solcher Tafeln der Opfer beider Weltkriege gedacht wurde. Ein Kontext, den die Mitglieder des Ausschusses als passend empfanden. Es wurde jedoch kein Beschluss gefasst, sondern der Vorschlag lediglich befürwortend an den Verwaltungsausschuss weiter gereicht.11 Die dortigen Vertreter konservativer Fraktionen stimmten dem Vorschlag zu. Auch sie führten das Argument an, Kriegsopfer sei Kriegsopfer und man dürfe hier keine Unterscheidungen treffen.12 Außerdem sei auf die heutige Belegschaft der WMF Rücksicht zu nehmen.13 Die SPD hielt jedoch den Vorschlag des KAK dagegen und forderte den Ausschuss zunächst zu einem Dialog mit der Bürgerinitiative auf.14

Wie von der SPD vermutet, stieß die Wahl des Standortes beim KAK auf Kritik. Wiederholt suchte auch die Initiative den Dialog mit Vertretern des Gemeinderats und betonte die Vorteile eines zentral gelegenen Standortes für die Errichtung eines Mahnmals.15 Damit unterstütze der KAK den Vorschlag Gertrud Müllers und des VVNs, das Mahnmal an der Ecke Eberhard- und Parkstraße zu errichten, da dieser Ort unmittelbar mit dem historischen Geschehen verbunden sei.16 Die Zentralität des Ortes, sei auch deswegen so wichtig, um die Geschichte des KZ-Außenlagers vor allem im Bewusstsein der Jugend zu verankern. Es müsse ein Ort sein, der täglich begangen werde, sodass auch die Mahnung und Erinnerung präsent bliebe. Auch ein aktueller Bezug sei gegeben, käme es doch immer noch zu Diskriminierung aufgrund von Herkunft und Hautfarbe, wie zum Beispiel bei den Gastarbeiten.17 Ein abgelegener Ort sei nicht zweckdienlich und schütze auch vor Vandalismus nur bedingt.18

Auch die WMF versuchte man für die eigenen Anliegen zu gewinnen, da die Frauen des KZ-Außenlagers in der dortigen Rüstungsproduktion hatten arbeiten müssen. Jedoch äußerte sich die Direktion auf ein Schreiben Gertrud Müllers zurückhaltend und reserviert.19 Zwar würde man sich ggf. an den Kosten des Mahnmals beteiligen, sobald die Stadt zu einer Entscheidung gelangt sei. Jedoch war es dem Vorstand gleichzeitig wichtig zu betonen, die heutige Geschäftsleitung stehe in keinerlei „Beziehung von den von Ihnen aufgezeigten Vorgängen […]“20.

Am 19. Oktober 1983 wurden dem Verwaltungsausschuss die Ergebnisse des Gesprächs mit dem KAK vorgelegt. Die bereits genannten Argumente des KAK wurden vorgestellt, man verlieb jedoch bei der bisherigen Standortwahl.21 Die entscheidende Abstimmung fand jedoch nach einer hitzigen Diskussion am 26. Oktober 1983 im Gemeinderat statt.22 Mit 14 zu 8 Stimmen wurde die Anbringung einer Gedenktafel in

der Krypta des Friedhofs Heiligenäcker beschlossen.23 Auf diese Weise könne den KZ-Frauen gemeinsam mit den anderen Opfern beider Weltkriege gedacht werden. Man vertrete damit die mehrheitliche Meinung der Bevölkerung, die ein zentrales Mahnmal ablehnen würde, so Stadtrat Jörg Schneider. Außerdem sei seiner Ansicht nach damit verhindert, dass man die KZ-Häftlinge über die anderen Opfer des Krieges stelle, was nicht angebracht sei, da Geislingen kein Vernichtungslager gewesen sei.24 Dr. Richard Blum äußerte darauf aufbauend die Ansicht in Geislingen sei kein KZ-Häftling getötet worden, hingegen habe man 682 Kriegstote zu beklagen. Die KZ Häftlinge seien ebenso Opfer des Krieges und der Gewaltherrschaft, wie die gefallenen Soldaten und Bombenopfer.25

Nach Beschlussfassung stellte Stadtrat Reinemer (SPD) den Antrag der „Interessensgemeinschaft Mahnmal“ einen Platz im Stadtpark zur Verfügung zu stellen, wo diese auf eigene Kosten ein Mahnmal errichten könnten.26 Eine Entscheidung über diesen Antrag wurde jedoch von Oberbürgermeister von Au vertagt, um die neuerlich aufkeimende Debatte vorerst zu unterbinden.27

Der genannte Interessensverband, die KZ-Mahnmal Initiative, stellte ein Zusammenschluss von Befürwortern eines Mahnmals im Stadtpark dar, zu denen unter Anderen der KAK, die SPD, das Friedensforum und die Rätschenmühle gehörten. Dieser bemühte sich auch in der Folgezeit darum, über das KZ-Außenlager zu informieren und weitere Befürworter für den Standort Stadtpark in der Bevölkerung zu gewinnen.28

Wiederholt legte die Initiative an der von Ihr für das Mahnmal vorgesehenen Stelle im Stadtpark Blumen nieder und stellte Kerzen auf.29

Wie erfolgreich die Bemühungen der Initiative waren, die Bevölkerung für Ihre Angelegenheit zu gewinnen, lässt sich nicht in eindeutigen Zahlen belegen, ist jedoch als eher gering einzuschätzen. Obgleich sich vor allem junge Erwachsene für das Anliegen begeistern ließen, hatte Stadtrat Jörg Schneider mit seiner Aussage, die Mehrheit der Bevölkerung lehne ein Mahnmal stillschweigend ab, mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht unrecht.

Darüber hinaus erhielt Hansjürgen Gölz, einer der aktivsten Mitglieder der Initiative, Briefe die eine eindeutig nationalsozialistische Tendenz aufwiesen. Ihm liegen drei ausgeschnittene Artikel aus einer rechten Zeitschrift bei. Ein mit Rotstift markiert und mit der Überschrift „Es lebe lang unser Weltumerzieher E. Kogon“ versehener Artikel bezieht sich auf den Publizisten und Gegner des Nationalsozialismus Eugen Kogon.30 Dieser war im KZ Buchenwald inhaftiert und dort als Schreiber des KZ-Arztes Erwin Ding-Schuler tätig. Kogon entwickelte nach eigenen Aussagen eine gute Beziehung zu dem Arzt der Fleckenfieberversuchsstation, was ihm kurz vor Kriegsende das Leben rettete. Dieser Umstand und ein Foto, welches Todeskandidat Kogon gemeinsam mit SS-Mitgliedern zeigt, werden in dem beigelegten Artikel dazu genutzt, die Verbrechen des Nationalsozialismus für Lug und Trug zu erklären. Auf derselben Seite wird Deutschland außerdem zum einzig fähigen Bollwerk gegen den „Sowjetimperialismus“ erklärt.31 Der dritte Artikel handelt Leiter der Devisenabteilung der 1974 insolvent gegangenen Herstatt-Bank Dany Dattel. Die Verstrickung des ehemaligen KZ-Häftlings in die Insolvenz der Bank werden als Beweis herangezogen, dass der nationalsozialistische Judenhass gerechtfertigt gewesen sei.32 In dem dazugehörigen Brief, datiert auf den 26.10.1983, erklärt ein unbekannter Schreiber die historische Grundlage für ein KZ-Mahnmal zu einer Lüge, wie es sich auch bei Eugen Kogon herausgestellt habe und verhöhnt die Initiative.33

Herr Gölz sagte aus, er habe mehrere Briefe dieser Art erhalten. Ob dies die mehrheitliche Stimmung der „stillschweigenden Bevölkerung“ wiederspiegelt ist damit nicht bewiesen, zeigt jedoch wie stark nationalsozialistisches Gedankengut 1983 noch in den Köpfen einiger verankert war.

Am 30. November 1983 wird in öffentlicher Sitzung des Gemeinderats verkündet, dass der Verwaltungsausschuss in einer nichtöffentlichen Beratung am 23.11. den Antrag der SPD abgelehnt hat.34 Die KZ-Mahnmal Initiative dürfe kein eigenes Mahnmal im Stadtpark errichten.

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Abb. 2: Holzkreuz mit Aufschrift „Niemals vergessen“, Januar 1984

Vor allem da die Entscheidung unter Ausschluss der Öffentlichkeit gefallen war, wurde von der Initiative scharf kritisiert. Sie entschloss sich, dem Beschluss des Gemeinderats zum Trotz, ein provisorisches Mahnmal im Stadtpark zu errichten.35 Dieses wurde in Form eines schlichten Holzkreuzes mit der Aufschrift „Niemals vergessen“ gestaltet, welches Ende Januar am Eingang zum Stadtpark gegenüber der WMF aufgestellt wurde.36 Hansjürgen Gölz wurde aufgrund der widerrechtlichen Aufstellung auf städtischem Boden von der Stadt im Februar wiederholt angemahnt.37

Auch den Dialog suchte die Initiative weiterhin. Ende Dezember überreichte sie dem Gemeinderat einen offenen Brief mit der Aufforderung den Beschluss um den Standort des Mahnmals rückgängig zu machen und die Meinungen der Bürger, der Engagierten und der Opfer anzuhören.38 Wiederholt bat man um Gespräche bzgl. der Standortwahl, wie aus einem Brief von Thomas Reiff an den Oberbürgermeister von Au hervorgeht.39

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Abb. 3: Frau Tiborné Koritschoner, Gertrud Müller und Hansjürgen Gölz, Rätschenmühle Geislingen, 19.02.1984

Außerdem machte die Initiative mit verschiedenen Aktionen und Veranstaltungen, wie z.B. Flugblättern und Gesprächen mit ehemaligen Häftlingsfrauen in der Rätschenmühle auf die Wichtigkeit ihres Anliegens aufmerksam. Hervorgehoben sei an dieser Stelle der Besuch der ehemaligen KZ-Gefangenen Tiborné Koritschoner, welche eigens aus Ungarn anreiste, um in Geislingen über ihre Erlebnisse und Erinnerungen zu berichten.40 Der Oberbürgermeister lehnte es ab, die Ungarin in Geislingen offiziell zu begrüßen. CDU und FWV blieben der Veranstaltung ebenfalls fern. Beides wurde vom KAK in der darauf folgenden Diskussion stark kritisiert.

Im Mai sorgte schließlich die aktuelle Ausgabe des Stadtjugendringheftes „aktuell“ für Aufsehen. Unter dem, in Hinblick auf die Stimmung im Gemeinderat sicherlich provokanten Titel „KZ-Stadt Geislingen“ erschien die Mai-Ausgabe der Stadtjugendringzeitschrift „aktuell“.41 Die Zeitschrift sah sich selbst als Forum der Geislinger Jugend, in der Jugendliche und Jugendverbände die Möglichkeit haben sollten, ihre Anliegen an die Öffentlichkeit und zur Diskussion zu bringen. Dies gelte für jeden Jugendverband, gleichgültig welcher politischen Richtung er angehöre, so die Redaktion.42 Dennoch stellten in erster Linie links gerichtete Verbände und Organisationen Textmaterial zur Verfügung.43 Dies beeinflusste unweigerlich auch die Orientierung der Zeitschrift.

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Abb.4: Zeitschrift „aktuell“, Titelbild, 05.1983

Der Großteil der Mai-Ausgabe war der Weitergabe von Informationen und Hintergründen über das KZ-Außenlager in Geislingen gewidmet.44 In einem durchaus sachlich und kritisch formulierten Text schilderte SPD-Vorsitzender und engagiertes Mitglied der Mahnmal Initiative Dr. Gölz die Vorgänge während der entscheidenden Gemeinderatsitzung im November 1983 und der darauf folgenden Monate. Gleichzeitig stellte er die Argumente der Initiative vor und forderte erneut zu Gesprächen auf. Es folgt ein eng an Richard Wagners Aufsatz zum KZ-Außenlager orientierte Informationstext über die Geschichte des Lagers von Thomas Reiff.45

Daran schließt sich ein allgemeiner Artikel über Judenverfolgung und Judenhass im Nationalsozialismus von Kurt Heuser an. Das Thema „KZ-Stadt Geislingen“ schließt mit einem kurzen Artikel eines „aktuell“-Mitglieds über die Gründe der Weigerung von CDU, FWV und Oberbürgermeister das Mahnmal im Stadtpark aufzustellen.

Unter dem provokanten Titel „Die Leichen im Keller“ spielt der Verfasser Tom auf mögliche persönliche oder familiäre Verbindungen der genannten Fraktionen bzw. „honorige[r] Bürger“46 der Stadt zur NS-Zeit an. Es war sicherlich dieser abschließende Artikel, der die CDU zu einer öffentlichen Stellungnahme und zu scharfer Kritik an der Jugendzeitung veranlasst. Einerseits widersprach die CDU entschieden dem Begriff der „KZ-Stadt“ Geislingen. Dies entspräche nicht den historischen Fakten und sei völlig überzogen, sei Geislingen doch nicht mit einer KZ-Stadt wie Dachau zu vergleichen.47 Andererseits sah die CDU in der klaren Stellungnahme des „aktuell“ ihre parteipolitischen Ziele gefährdet. Sie forderte die Redaktion auf, die Zeitung zukünftig politisch neutral zu gestalten und sich nicht instrumentalisieren lassen, da sie sonst für die Geislinger Jugend nicht mehr repräsentativ sei.48 Andernfalls müsse darüber nachgedacht werden, die Zuschüsse seitens der Stadt einzustellen.

Die Argumente der CDU lösten in kürzester Zeit eine Flut von Leserbriefen beider Seiten aus. Nicht nur die Drohung Gelder zu streichen, wurde kritisiert. Hauptsächlich wurde der CDU Gefühlskälte gegenüber den Opfern des Faschismus und eine Verharmlosung des Geislinger Arbeitslagers vorgeworfen. Wie unversöhnlich sich die Betrachtungsweisen und Argumente von KZ-Mahnmal Initiative und CDU gegenüber standen, trat hier in aller Deutlichkeit zu Tage.

Aller Bemühungen und Diskussionen zum Trotz schien die Frage nach Gestaltung und Standort des Mahnmals entschieden, der Beschluss des Gemeinderats sicher. Für Überraschung sorgten daher die im Auftrag des Oberbürgermeisters geschaffenen drei Entwürfe des Ellwanger Künstlers Heinz Knödlers, welche dem Verwaltungsausschuss und dem Gemeinderat im September 1984 vorgestellt wurden.49 Keine Gedenktafel für die Krypta der Heiligenäcker hatte OB von Au entwerfen lassen, sondern ein großes und wesentlich kostspieligeres Denkmal, welches am Aufgang zur Aussegnungshalle seinen Platz finden sollte.50

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Abb. 5: Mahnmal „Geschundener Kopf“ auf dem Friedhof Heiligenäcker, Geislingen an der Steige, 2014

Ein Versuch seitens des Oberbürgermeistes die Konfliktparteien miteinander auszusöhnen? In jedem Fall setze sich von Au damit über den ursprünglichen Beschluss des Gemeinderats hinweg. Umso bemerkenswerter ist es, dass sich die Stadträte noch in derselben Sitzung auf den Entwurf des „geschundenen Kopfes“, wie er heute auf dem Friedhof an genannter Stelle zu sehen ist, einigen konnten. Zwar kritisierte Dr. Blum die neuen Dimensionen des Mahnmals scharf, wurde jedoch von Herrn Bösler nicht zu unrecht darauf hingewiesen, dass die im Verwaltungsausschuss sitzenden CDU-Angehörigen keine Einwände erhoben hätten.51 Die dazugehörige Inschrift stellte einen Kompromiss zwischen den Vorschlägen des Künstlers und der SPD-Fraktion dar, welche ebenfalls noch in jener Sitzung abgesegnet wurde.52 Aus dieser geht hervor, dass das Mahnmal zwar primär den Frauen des KZ-Außenlagers Geislingen, jedoch gleichzeitig allen Opfer der nationalsozialistischen Gewalt gelten solle.

Die Reaktionen auf diese überraschende Sitzung des Gemeinderats zeigten sich geteilt. In Leserbriefen in der Geislinger Zeitung werden Oberbürgermeister und Stadträte gleichermaßen kritisiert, da sich von Au über die Entscheidung für eine schlichte Gedenktafel hinweg gesetzt und der Gemeinderat dies widerstandslos akzeptiert habe.53

Abb.6: Einweihung Gedenkstein im Stadtpark, 21.10.1984.

Anderen, hauptsächlich linksgerichteten Parteien und Organisationen, geht der Beschluss für den „geschundenen Kopf“ – nun zwar ein eigenständiges, aber weiterhin abseits gelegenes Mahnmal – noch nicht weit genug. Ein Bündnis von Gewerkschaften, Friedensbewegung, DKP u.a. entscheidet sich daher erneut für ein eigenes, dieses Mal aus Stein erbautes Denkmal im Stadtpark aufzustellen.54 Der Gedenkstein wird am 21. Oktober 1984 feierlich errichtet und eingeweiht. Allerdings lässt die Stadt das Mahnmal bereits vier Tage später vom Bauhof wieder entfernen.55

Am Volkstrauertag, den 18. November 1984, wird das von Hans Knödler geschaffene Mahnmal auf dem Friedhof eingeweiht.56 Noch vor der Gefallenenehrung legte Oberbürgermeister von Au einen Kranz nieder. Die Errichtung eines Mahnmals im Stadtpark war damit gescheitert, der „geschundene Kopf“ hingegen entwickelte sich zu einem festen Bestandteil der Geislinger Erinnerungskultur.57

Das KZ-Mahnmal in Geislingen – ein Generationenkonflikt?

Der Wille zur vollständigen Aufarbeitung der NS-Geschichte und zur Erinnerung an Opfer dieser Zeit erscheint der Mehrheit der deutschen Bevölkerung heute plausibel, ja weiterhin notwendig. Umso überraschender mag es wirken, dass die Argumente, welche die Mahnmal Initiative, der VVN und Gertrud Mülller für ein Mahnmal und für den Standort Stadtpark in die Debatte 1983/84 eingebracht haben, auf derart starken Widerstand gestoßen und sich letztendlich nur bedingt durchsetzen konnten. Zwar wurde den Zwangsarbeiterinnen ein eigenständiges Denkmal und nicht nur eine zusätzliche Gedenktafel in der Krypta zugedacht. Jedoch konnte eine Errichtung im zentral gelegenen Stadtpark nicht durchgesetzt werden. Wie lässt sich dieser enorme Widerstand gegen eine öffentliche und zentrale Erinnerungsstätte erklären?

Allgemein lässt sich beobachten, dass eine fundierte und sachliche Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen, allen voran des Holocausts, in Deutschland erst sehr spät einsetzte. Historiker, Sozialwissenschaftler und Psychologen versuchten vor allem ab den 80er und 90er Jahren vermehrt diesen eklatanten Mangel zu deuten und zu erklären.58

Der Sieg der Alliierten und die Demontage des Dritten Reichs stellte einen historischen Umbruch dar, auf welchen die deutsche Bevölkerung nahezu kollektiv mit Verdrängung und Leugnung reagierte. „Das deutsche Volk teilt sich in Besiegte und Befreite. Befreit waren all diejenigen, die unter den Nazis zu leiden gehabt hatten. Besiegt all jene, denen die Führer der Nationalsozialisten versprochen hatten, sie wären die zukünftige Elite.“59  Nicht nur jene, die Schuld auf sich geladen hatten, auch tatenlose aber glühende Befürworter und stumme Dulder des NS-Regimes waren nicht in der Lage, sich mit den Erlebnissen und Taten ihrer Generation auseinander zu setzen. Dies zog unweigerlich eine Entfremdung zur Folgegeneration nach sich. Die Eltern weigerten sich über die Vergangenheit zu sprechen, die Fragen der Kinder blieben unausgesprochen oder unbeantwortet.60 Es sei an dieser Stelle gesagt, dass dieser Prozess in der Regel nicht absichtlich oder bewusst vollzogen wurde. Vielmehr handelte es sich um „kollektive Affekte“, wie Ralph Giordano das Phänomen beschreibt. 61

„Kollektiv, weil die Uniformität dieser Affekte einem massenhaften […] Grundgefühl entsprach, dem dann auch sogleich die historische Fehlentscheidung entwuchs, nicht aufzuarbeiten, sondern zu verdrängen. Affekt weil es sich um eine jähe, unreflektierte und die erste Schreckstunde nicht überwindende Reaktion handelte.“62

An den zwischen 1945 und 1980 errichteten Denkmälern lässt sich dieses Phänomen der Verleugnung und Verdrängung ebenfalls nachvollziehen, wie Brigitte Hausmann untersucht hat.63 Unmittelbar nach Ende des Krieges waren es hauptsächlich ehemalige Lagerhäftlinge und die Militärregierungen, die den Opfern der Konzentrationslager an den entsprechenden Stätten Denkmäler und Grabsteine setzten. Diese waren jedoch häufig von wenig dauerhaftem Material und wurden von der Bevölkerung kaum beachtet. Besonders sowjetische Denkmäler wurden im Zuge des Kalten Krieges verändert oder gar zerstört.64

Die seit 1949 errichteten Denkmäler blendeten die Opfer des Holocaust aus, die Erinnerung an das Leid der deutschen Bevölkerung trat in den Vordergrund. Ohne die Funktion und Geschichte der Wehrmacht zu reflektieren, wurden den Opfern des Krieges, Soldaten wie Zivilisten Kriegsdenkmäler aufgestellt. Inschriften wie „Unsere Söhne“ oder „Unsere Helden“ zeigen, dass diese Denkmäler nicht der historischen Erinnerung sondern der persönlichen Trauerbewältigung gewidmet waren.65 In den 60er und 70er Jahren entwickelte sich schließlich zunehmend ein Interesse für die NS-Verfolgten, jedoch wurden Ihnen dennoch nur wenige Denkmäler errichtet.66

Erst in den 80er Jahren entwickelte sich ein erhebliches, lokal fixiertes Interesse und Engagement für die Geschichte des Nationalsozialismus und der Aufarbeitung der NS-Gewalt. Besonders der in den Medien ausgetragene sog. Historikerstreit brachte die Frage nach Umgang und Deutung der NS-Verbrechen an die Öffentlichkeit.67 Die regionale Aufarbeitung der NS-Vergangenheit wurde vielerorts von Bürgerinitiativen voran getrieben, deren Träger hauptsächlich der Nachkriegsgeneration angehörten. Ausstellungen und Stadtführungen wurden ins Leben gerufen, Zeitzeugen befragt.68 Auch die Zahl der Denkmäler nahm zu. Ihre Errichtung ist fast ausschließlich auf das Engagement regionaler Vereine, Initiativen und von Gemeinderatsmitgliedern der SPD und der Grünen zurückzuführen.69

Der Umgang mit der NS-Vergangenheit, das Phänomen der Verleugnung lässt sich in Geislingen ebenfalls nachvollziehen. Folgt man den Ausführungen Brigitte Hausmanns, ist anzumerken, das Geislingen seiner Zeit hinterherhinkte, die Einstellung zur Aufarbeitung der NS-Gewalt in den 1980ern also konservativer ausfiel als anderenorts. Insgesamt folgte Geislingen jedoch den Entwicklungslinien, die Hausmann nachgezeichnet hat.

Während zum „Gedenktag für die Opfer des Faschismus“, welcher bereits im November 1946 stattfand, im „Geislinger Amtsblatt“ in aller Deutlichkeit auf die Schrecken des Nationalsozialismus in Geislingen, namentlich dem „Elendszug der weiblichen Insassen des hiesigen Lagers“70, aufmerksam gemacht wurde, geriet dieser Aspekt der NS-Vergangenheit in den Folgejahren gänzlich aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. Renate Kümmel schildert eindrücklich, dass weder in wissenschaftlichen Publikationen noch in der öffentlichen Debatte die Themen Judenverfolgung, Zwangsarbeit und KZ noch einmal Erwähnung fanden.71

Vielmehr konzentrierte sich die Generation der „Besiegten“ auf das selbst erfahrene Leid:

„Die Invasion im Sommer 1944 gab den Auftakt zum letzten furchtbaren Akt der Tragödie unseres Volkes. Die Kriegsfurie, welche bisher aus der Luft unser Vaterland schrecklich heimgesucht hatte, kroch […] nun auch auf dem Landwege heran […].“72

Als 1982 Richard Wagners Aufsatz über das KZ-Außenlager in Geislingen73 erschien, waren die dort enthaltenen Informationen für viele Geislinger Jugendliche eine absolute Neuigkeit, so Kümmel.74 Erst dieser und folgenden Publikationen, sowie der KZ-Mahnmal Initiative ist es zu verdanken, dass dieser bisher ignorierte Teil der Stadtgeschichte aufgearbeitet und in die Erinnerung der Bevölkerung zurück gebracht werden konnte.75

Die Geislinger Zeitung betonte in den Jahren 1983 und 1984 wiederholt, dass es sich bei den Mitgliedern der Initiative überwiegen um „junge Leute“, also die Nachkriegsgeneration, handle. Gemeinsam mit den Opfern, wie Gertrud Müller und dem VVN, forderten sie Antworten und Aufarbeitung. Dem gegenüber standen Vertreter jener Generation, die jahrzehntelang Schutz in der Verdrängung gesucht hatten. Doch nicht nur die sog. Tätergeneration zählte zu den Gegnern einen zentralen Mahnmals, sondern auch jüngere Personen. Mancher städtische Repräsentanz oder einflussreicher Bürger der Stadt dürfte die Sorge in die Opposition gelenkt haben, dass aufgrund der Aufarbeitung manche Verbindung des eigenen Umfelds oder der eigenen Familie zum NS-Regime aufgedeckt werden könne.

Das Resultat war in beiden Fällen dieselbe. Beschämt darüber, dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte miterlebt, gar befürwortet zu haben oder um einen Verwandten zu wissen, der zum Apparat gehört hatte, versuchte man weiterhin beharrlich das schlimmste Verbrechen des Nationalsozialismus, den Holocaust, von den Köpfen der Bürgerschaft fern zu halten.

„Der Wahrheit zur Ehre, den Wankelmütigen zur Mahnung. Kein Mahnmal in Geislingen.“76

Gleichzeitig drängte das eigene, damals erfahrene Leid in den Vordergrund, für welches man ebenfalls Aufmerksamkeit und Verständnis verlangte.

„Ich bedaure sehr daß die politischen Häftlinge in der Zeit des dritten Reiches viel Schweres erleben mußten. Aber in jeder Industriestadt wurden Lagerinsassen beschäftigt. […] Die deutsche Jugend wurde ebenfalls eingezogen und mußte Härte ertragen. Natürlich soll die Vergangenheit als Mahnung dienen. “77

Unklar bleibt hingegen, welche Rolle die WMF in den Ereignissen 1983/84 in Geislingen eingenommen hat. Denn es ist zu vermuten, dass auch die Direktion der WMF, ob nun Täter- oder Folgegeneration, von dem Phänomen der Verleugnung und Verdrängung betroffen war. Mit dem Hinweis im Schreiben an Gertrud Müller, die Direktion der WMF habe mit den Geschehnissen während des 2. Weltkrieges nichts zu tun, weißt diese deutlich jegliche Mitschuld von sich.78

Offiziell hielt sich die WMF jedoch aus der Entwicklung heraus und lässt die Stadt über Gestaltung und Standort eines Mahnmals entscheiden.79 Ob die WMF dennoch mit den Stadträten in Kontakt stand und wie Direktion oder Belegschaft über ein mögliches Mahnmal im Stadtpark dachten, lässt sich aufgrund der Quellenlage zum aktuellen Zeitpunkt nicht abschließend klären. Eine Beteiligung an den Kosten scheint jedenfalls nicht erfolgt zu sein, da die Stadt die Finanzierung laut den Gemeinderatsprotokollen selbst regelte.80

Im Zeichen der Mahnmal Initiative – Die weitere Aufarbeitung bis hin zur Stolperschwelle 2015

Dass das Mahnmal „geschundener Kopf“ auf den Heiligenäckern inzwischen zu einem festen Bestandteil der Geislinger Erinnerungskultur zählt, ist bereits erwähnt worden. Daraus resultiert die Frage, wie die Stadt Geislingen nach den Ereignissen 1983/84 und der Errichtung des Denkmals mit ihrer NS-Vergangenheit weiter umging. Die wichtigsten Stationen seien nachfolgendend erläutert. Sie stehen mit den Bemühungen der KZ-Mahnmal Initiative in einem unmittelbaren Zusammenhang, verdeutlichen jedoch gleichzeitig, wie sich der Umgang mit der NS-Vergangenheit in den folgenden Jahren bis heute gewandelt hat.

Als sich 1995 das Ende des 2. Weltkrieges zum 50. Male jährte, wurde dies auch in Geislingen zum Anlass genommen, die eigene NS-Geschichte erneut ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken. Im Heimatmuseum fand die Ausstellung „50 Jahre danach – Geislingen im 3. Reich“ statt. Zu einer Reihe von Veranstaltungen zum Thema Kriegsende gehörte auch eine Gedenkfeier für die KZ-Frauen.81 Rund 250 Teilnehmer besuchten laut Geislinger Zeitung die Veranstaltung am Mahnmal „Geschundener Kopf“.82 Zu Ihnen zählten auch Vertreter der Landes- und der Kommunalpolitik und der Religionsgemeinschaften.83

Wie groß das allgemeine Interesse an einer solchen Veranstaltung war, lässt sich gut an den Reaktionen verschiedener Zeitungen der Region nachvollziehen. Es sind vor allem die Reden der ehemaligen Inhaftierten Gertrud Müllers, Oberbürgermeisters Martin Bauch und Innenministers Frieder Birzele, welche Gäste und Journalisten gleichermaßen bewegten. Erstmals bekannte sich ein Geislinger Oberbürgermeister offiziell und „in ungeschminkten Worten zu den Unrechtstaten damals vor der eigenen Haustür“.84 Das Geislinger Stadtinfo druckte alle drei Ansprachen ab.85 Darüber hinaus erschienen in der Geislinger und Stuttgarter Zeitung, sowie im NWZ Göppingen ausführliche Artikel über die Gedenkveranstaltung.86

Gemeinsam war allen Ansprachen der Aufruf sich der NS-Geschichte zu erinnern und sie nicht der Vergessenheit anheim fallen zu lassen, um zu verhindern, dass sich dergleichen in Deutschland wiederhole. Gertrud Müller und Oberbürgermeister Bauch sprachen in diesem Zusammenhang vor allem die Jugend an.

Deutlich wird ebenfalls, dass eine sachliche, man könnte sagen schonungslose, Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte möglich und erwünscht war. Entgegen der Verhältnisse in den 1983/84er Jahren wurden die Vorkommnisse um das KZ-Außenlager nicht länger verharmlost oder verleugnet. Alle Redner fanden klare Worte, um die Unmenschlichkeit, die auch in Geislingen stattfand zu beschreiben und zu verurteilen. Gleichzeitig wurde ein direkter Bezug zur Gegenwart, zum noch modernen Rechtsextremismus gezogen und zur Vorsicht gemahnt. Die Vergangenheit, welche man so lange verleugnet hatte, wurde zum Mahnmal und die Erinnerung daran zum Garant des seither bestehenden Friedens in Deutschland. Besonders Innenminister Frieder Birzele betonte, dass der Werteverfall im NS-Regime und die damals begangenen Untaten deutlich machten, welche „Werte und Verhaltensweisen“87 heute gefordert seien, um Rassismus und Extremismus zu verhindern.

Scharf wurde auch der bisherige Umgang breiter Teile der deutschen Bevölkerung mit der NS-Vergangenheit kritisiert. So erklärte Landesrabbiner Joel Berger in seiner Rede, er sei nicht hier um Kollektivschuld einzuklagen, jedoch auch nicht „um Vergebung und Verzeihung zu bringen“.88 Er sei gekommen um das Vergessen und Verdrängen anzuklagen.89 Ausführlicher formulierte es Innenminister Birzele. Eine Bewältigung der NS-Vergangenheit sei nicht möglich und könne auch nicht das Ziel sein. Jedoch müsse man sich der historischen Wahrheit stellen, die Verbrechen benennen und der Opfer gedenken, auch wenn es noch so schmerzhaft sei.90

Der deutlich sichtbare Wandel im Umgang mit der NS-Vergangenheit in der eigenen Heimat ist, aus genannten Gründen, maßgeblich auf der Generationenwechsel zurückzuführen. Gleichzeitig dürfte jedoch auch der spürbare Anstieg rechtsextremer Gewalt in den Nachwendejahren zu diesem Umdenken beigetragen haben.91

Die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus in Geislingen wurde in den darauffolgenden Jahren durch regelmäßige Kranzniederlegungen am Mahnmal „Geschundener Kopf“ aufrecht erhalten. 1996 wurde der 27. Januar, in Bezug auf den Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Ausschwitz-Birkenau 1945, zum bundesweiten Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. 2005 erklärte die UN diesen Tag außerdem zum internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts. Zu diesem Termin sind in Geislingen die jährlichen Kranzniederlegungen am Mahnmal vorgesehen.92

1998 erschien mit der Diplomarbeit von Renate Kümmel „Erfahrungen des Nationalsozialismus einer Kleinstadt – Verarbeitung oder Verdrängung?“93 ein Buch, das sich zum Einen mit der Geschichte des KZ- Außenlagers und der inhaftierten Frauen befasste, zum Anderen erstmalig auch die Versuche der Aufarbeitung 1983/84 und den Widerstand dagegen thematisiert. Im selben Jahr erschien in der Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte ein Aufsatz von Ulrich Haller, welcher nicht nur das KZ-Außenlager, sondern weitere Arbeitslager in Geislingen behandelt und sich insbesondere auf die Verarbeitung und Deutung von Datensätzen konzentriert.94

Darüber hinaus veröffentlichte Stadtarchivar Hartmut Gruber anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar 2001 eine „Kleine Dokumentation zur Geschichte der Zwangsarbeit und des KZ-Außenlagers Geislingen an der Steige“.95 Dieser Aufsatz bildete die Basis für seinen Vortrag über Zwangsarbeit und KZ- Außenlager in Geislingen, welchen er erstmalig vor dem Jugendgemeinderat am 01.07.2013 vortrug und anschließend noch weitere drei Mal präsentierte.96 Stets der Vortrag dafür um neue Erkenntnisse ergänzt.

2004 veröffentlichte Gertrud Müller ihre Berichte zu ihren Erinnerungen über die Zeit von 1915 bis 1950. Dieses Werk stellt vermutlich die wichtigste und umfassendste Biographie dar, die im Zusammenhang mit dem KZ-Außenlager Geislingen erschienen ist.97

Neben dem Stadtarchiv sind gerade in jüngster Zeit verschiedene Geislinger Vereine und Verbände zum Thema KZ-Außenlager und Geislinger NS-Geschichte aktiv geworden, jährt sich das Ende des NS-Regimes 2015 doch zum 70.Male. Bereits am 8. Mai 2014 veranstaltete die evangelische Allianz einen Informationsabend über das KZ-Außenlager. Neben dem bereits erwähnten Vortrag Hartmut Grubers war außerdem der Video-Bericht mit der Zeitzeugin Edith Esther Leah Lebovic-Einhorn zu sehen. Auch 2015 bleibt die evangelische Allianz aktiv.98 Ebenfalls am 08. Mai 2015 soll ein Gedenkmarsch vom ehemaligen KZ-Lager zur WMF stattfinden, dem sich eine Veranstaltung in der Jahnhalle anschließen wird.

Parallel zur evangelischen Allianz ist 2014 auch die Kulturwerkstatt der Rätsche e.V. aktiv geworden. Im Oktober 2014 reicht die SPD auf Initiative der Kulturwerkstatt und im Namen aller Gemeinderatsfraktionen einen Antrag ein, eine sog. „Stolperschwelle“ für die Frauen des KZ-Außenlagers in der Eberhardstraße nahe der WMF zu verlegen.

Stolpersteine und Stolperschwellen wurden bereits in Göppingen, Stuttgart und vielen anderen deutschen Städten, sowie international in verschiedenen Ländern Europas verlegt. Sie stammen von dem Künstler Gunter Demnig und gemahnen an jüdische Opfer des Holocaust. In der Regel handelt es sich bei den Stolpersteinen um kleine, in den Boden eingelassene Messingtafeln, in welche Name, Geburts- und Sterbedatum des Opfers eingraviert wurde. Sofern bekannt, werden außerdem Stationen des Leidenswegs erwähnt und das Konzentrationslager benannt, an welchem die Person ermordet wurde. Angebracht werden die Steine vor den Häusern, an denen die Männer, Frauen und Kinder lebten, bevor sie von der SS abgeholt und deportiert wurden.99

Mahnmal-Initiative 83-84 Version 2

Abb. 7: Logo der Kulturwerkstatt zur Initiative „Stolperschwelle“, 2015

In Geislingen ist eine Verlegung solcher Stolpersteine nicht möglich. Von jüdischen Bewohnern jener Zeit finden sich in Geislingen nur unsichere Spuren.100 Das KZ-Außenlager existiert ebenfalls nicht mehr und von den über 800 Frauen und Mädchen, die dort inhaftiert waren, kennen wir nicht alle Namen. So entschied sich die Kulturwerkstatt für eine sog. Stolperschwelle.

Diese verlegt Gunter Demnig dort, wo viele Personen unter dem Holocaust zu leiden hatten, an Lagern und Rüstungsfabriken. Anlässlich der Verlegung dieser Stolperschwelle im September 2015 sind seitens der Kulturwerkstatt weitere Veranstaltungen im Gedenken an die Frauen des KZ-Außenlagers geplant.101 Am 06. März 2015 fand bereits die Auftaktveranstaltung in der Rätschenmühle statt, bei welcher an die über 800 Frauen erinnert und die bis dato bekannten 117 Namen der damals inhaftierten Mädchen und Frauen verlesen wurden.102

Bereits 1995 hat Renate Kümmel in ihrer Diplomarbeit zu Recht eine umfangreiche Publikation zur NS- Geschichte in Geislingen gefordert.103 Dieser Notwendigkeit ist bis heute nicht nachgekommen worden, die Aufarbeitung und Erforschung dieses dunklen Kapitels der Fünf-Täler-Stadt noch lange nicht abgeschlossen. Viele Fragen blieben trotz der Bemühungen der letzten Jahre offen und so manches Thema unangetastet. Umso erfreulicher ist es, dass nun ein kleiner Kreis von historisch interessieren Geislingerinnen und Geislingern auf Initiative des Stadtarchivs diese Lücke in Form einer umfassenden, sich Schritt für Schritt entwickelnden Online-Publikation zu füllen versucht.

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